Ehrenamt im Oberwald, Teil 4: Heute mit Viola Frankenberg, Multifunktionärin der Jugendabteilung

„1,7 Millionen Menschen engagieren sich als Ehrenamtliche oder Freiwillige für den Amateurfußball. Sie bilden die Basis der Fußballorganisation. Ihre Arbeit ist leidenschaftlich, kompetent und verantwortungsvoll.“ So lesen wir es auf der Homepage des DFB...

In einer neuen Serie wollen wir auf der lilanen Homepage und auf Facebook im Jahr 2021 in unregelmäßigen Abständen Ehrenamtsträgerinnen und Ehrenamtsträger vorstellen, die bei der Spielvereinigung aktiv sind. Heute in der virtuellen Interviewzone: Viola Frankenberg, stellvertretende Jugendleiterin und Mädchenfußballbeauftragte der Spielvereinigung. 

1. Hallo Viola, erst 1970 wurde das Fußballspielverbot für Frauen durch den DFB aufgehoben. Wo steht der Mädchen- und Frauenfußball heute, gut 50 Jahre später; mit welchen Vorurteilen und Hindernissen sieht sich der Frauenfußball auch in der Gegenwart konfrontiert?  

Der schlimmste Hohn, der Spott und auch Verbote sind lange vorbei und viele Mädchen, die heute spielen, machen große Augen, wenn du ihnen erzählst, dass ihr Sport mal als große Provokation empfunden wurde. Natürlich gibt es auch heute noch Unterschiede in der Leistung. Aber das ist nur der normale Unterschied zwischen Frauen- und Männersport, wie man ihn überall hat, wo der muskuläre Unterschied eine Rolle spielt. Trotzdem ist beim Frauenfußball irgendetwas anders in der Wahrnehmung, denn niemand belächelt eine weibliche Top-Sprinterin, weil sie nicht genauso schnell ist wie Usain Bolt und ein echter Tennisfans guckt normalerweise sowohl Damen- und Herrentennis.

Was sind die Unterschiede? Der Männerfußball ist schneller und dynamischer als der Frauenfußball, aber beide Sparten sind längst genauso taktisch und technisch. Der Frauenfußball hat aber auch Alleinstellungsmerkmale: Die Spielerinnen stehen schnell auf, wenn etwas passiert ist und es gibt weniger Schwalben. Bei den Männern hast du nach meiner Beobachtung einfach mehr Entertainer auf dem Platz, die auch mal eine Show machen, wohingegen beim Frauenfußball öfter der reine Fußball zählt. Ich kann nur jedem empfehlen, sich mal ein eigenes Bild vom Frauenfußball zu machen und dabei auch offen für Unterschiede zu sein.

Die Hindernisse in den Karrieren der Spielerinnen sind weiterhin enorm: Der Unterschied in der Bezahlung ist z.B. ein Dauerthema. Gleiche Bezahlung wird bestimmt nicht in absehbarer Zeit erreicht, aber dass ein männlicher deutscher Nationalspieler bis zu 100-fach mehr verdient für seinen Einsatz im Deutschlandtrikot als eine weibliche Nationalspielerin – da wirst du mir sicher zustimmen, dass das nicht haltbar ist und es einfach verhindert, dass sie sich wirklich ganz ihrer Sportlerinnenkarriere widmen können.

Ich bin mir nicht sicher, ob dir, lieber Wolfgang, der Männerfußball noch genauso viel Spaß machen würde, wenn die Spieler dort auch Vollzeit-Jobs ausüben müssten. Den Bundesligaspielerinnen wird im Anschluss an ihre aktive Karriere eher kein gut bezahlter Job im Bundesligaverein oder bei Sky angeboten. Daher machen sie auch Ausbildungen oder studieren nebenbei, um sich abzusichern.

Es gibt Bundesligaspielerinnen, die nicht mehr als 400 EUR pro Monat verdienen (das ist aber auch das geringste Gehalt). Spielerinnen wie Pernille Harder gehen nach England, wo die Strukturen und das Gehalt besser sind. Was dort für den Frauenfußball getan wird, ist enorm. Dadurch werden wir international mittlerweile immer mehr abgehängt.

1a Wie läuft es mit dem Mädchenfußball in der Region? Ist Mädchenfußball immer noch eine Boom-Sportart?

Leider sind die Zeiten des Booms vorbei. Der Mädchen- und Frauenfußball steckt in der Krise. Die Anzahl der gemeldeten Juniorinnenteams beim Badischen Fußballverband hat sich in den letzten zehn Jahren von 200 auf knapp über 100 halbiert. Das ist alarmierend! So kommt es, dass der Verband vor großen Herausforderungen steht, damit sinnvolle Ligen für die weiblichen Altersklassen zu planen. Mal eben über 100 km zum Ligaspiel anzufahren, ist heute keine Seltenheit mehr. Wirklich schade ist auch, dass mit der kleinen Anzahl an Teams dann auch kaum mehr nach Leistung sortiert werden kann. So muss dann ein neu gegründetes Anfängerinnenteam gleich mal gegen Hoffenheim oder den KSC spielen, was beiden Teams nicht viel bringt. Gut, dass wir in Aue hauptsächlich erfahrene Spielerinnen haben - aber auch für uns ist es bei der namhaften Konkurrenz deutlich schwerer geworden, Staffelsieger zu werden.

Bei allem Schwund an Mannschaften im Badischen Fußballverband, können wir dankbar und auch stolz sein, dass wir diesen Trend einfach mal umgekehrt haben: Anstatt zu schrumpfen, wachsen wir jedes Jahr um ca. 15 Mädchen!

2. Ich selbst bin ein Fan deiner Arbeit in Durlach-Aue, aber kein ausgesprochener Freund des Frauenfußballs, das sage ich ganz offen. Das Spiel ist fast so langsam wie ich, dazu gibt es nur wenige Ligen. Wie überzeugst du mich vom Gegenteil? 

Du fragst provokativ – so wie ich dich kenne und schätze! Daher kannst du bestimmt auch mit einer provokativen Antwort umgehen: Ich möchte dich gar nicht vom Gegenteil überzeugen! Du darfst über unseren Sport denken, was du möchtest. Den größten Kritikern des Frauenfußballs möchte ich nur sehr gerne zurufen: „Könntet ihr euch bitte ein bisschen leiser nicht für unseren Sport interessieren?“ Was z.B. bei einem Posting des ZDF-Sport über ein Ergebnis der Frauenbundesliga in den Kommentaren abgeht, ist schrecklich. Dann ist mir Desinteresse tatsächlich deutlich lieber, als solche Aggression. Fußballerinnen, wie ich sie kenne, wollen nicht provozieren, sondern einfach nur in Ruhe kicken, ihren Spaß haben, nicht eingeschränkt werden und ihr Potential entfalten. So wie hier in Aue!

3. Du bist in Durlach-Aue stellvertretende Jugendleiterin, Mädchenfußballbeauftragte und Trainerin der weiblichen Bambini. Dazu arbeitest du noch in der Öffentlichkeitsarbeit des Vereins mit und führst den Instagram- und Facebook-Auftritt der Mädchen. Machst du das alles ehrenamtlich? 

Das mache ich zu 100% ehrenamtlich. Genaugenommen bezahle ich dafür sogar - mit meinem eigenen Vereinsbeitrag und jedem gefahrenen Kilometer! Es ist gut eingesetzte Zeit.

4. Wie viele Stunden Zeit investierst du wöchentlich in die Vereinsarbeit (bei normalem Spielbetrieb)? 

Durch den neuen Instagram-Account ist der Aufwand vor ein paar Monaten plötzlich recht groß geworden. Alle zwei Tage ein neues Posting und immer wieder Ideen, Texte und Fotos zu haben, kostet mich eine 3/4 Stunde am Tag. Auf Instagram haben wir über 600 Follower, und ich konnte so bereits eine Hand voll neue Spielerinnen zu uns holen.

Jugendleitung, Traineramt und Koordination im Mädchenbereich ergeben dann noch mal weitere 3-4 Stunden pro Woche – im Lockdown natürlich weniger. Meistens sind es Stunden, die Spaß machen, die ich mit meinen Töchtern zusammen verbringe und die mich an die frische Luft bringen. Die Anzahl Stunden, die ich dem Jugendfußball in Aue widme, verbringen andere vorm Fernseher. Manchmal hilft es, sich bewusst zu entscheiden, wofür man seine Lebenszeit einsetzen möchte!

5. Die Corona-Pandemie hat erneut dazu geführt, dass eine komplette Saison abgebrochen wurde. Profis dürfen spielen, Amateure nicht. Wie lautet deine Meinung dazu?  

Als Werder Bremen-Fan bin ich dankbar für die Unterhaltung durch die Spiele der Werder-Frauen und der Herrenmannschaft von Werder Bremen. Finde ich das unfair? Die Frage stelle ich mir so eigentlich gar nicht erst, denn Neid ist nicht mein Ding, Wir haben im Amateursport ja nicht irgendetwas weniger, weil die Profis per Ausnahme etwas dürfen. Auch wenn die Saison fast nicht stattfand und sich jede einzelne Spielerin schlechter entwickeln konnte als sonst – so sind die Einschränkungen ja aus wichtigem Grund passiert, und da zähle ich mich einfach zu den Vernünftigen und Geduldigen.

Es bleibt ja noch der Bolzplatz oder die Wiese hinter dem Haus.

6. Auf den Bolzplätzen der Region herrscht seit Wochen teilweise Hochbetrieb (Südstadt, Ettlingen, Otto-Dullenkopf-Park z.B.). Vereinstraining war dagegen monatelang verboten. Ist das nicht ein Widerspruch?  

Überfüllt erlebe ich die Bolzplätze (Kühler Krug, Sandkorntheater, Budo-Center und Zündhütle) wenn überhaupt, dann zu Stoßzeiten am späteren Nachmittag. Dann kann man entweder zu einem anderen der vielen Karlsruher Bolzplätze weiterziehen oder lieber gleich zu anderen Zeiten kommen.

Was ich mir für die Vereine gewünscht hätte, wäre, nicht ständig zwischen einem kompletten Verbot und dann wieder gleich 20 Kindern im Training zu wechseln. Stattdessen hätte uns ein konstantes Training mit einer kleinen Gruppe von 3-6 Kindern (je nach 7-Tages-Inzidenz-Wert) gutgetan. Wenn wir uns an die Hygieneregeln halten, fühle ich mich da sicher.

Ich beneide diejenigen nicht, die hier in der Landes- und Bundespolitik die richtigen Entscheidungen zu treffen versuchen. Gerechtigkeit ist beim Thema Corona eigentlich nicht möglich. Wichtiger ist, dass wir das alles bald in den Griff bekommen, dass die Vereine, die Gastronomie, der Einzelhandel und andere Branchen es überleben und dass das Thema uns nicht weiter spaltet. Deswegen: ruhig Blut, Wolfgang – ich kenne ja dein Temperament zu diesem Thema!

7. Zurück zur Situation in Durlach-Aue: Der Mädchenbereich wird dort immer größer, auch dank deines Engagements. Wie ist der aktuelle Stand bezüglich der Zahl der Mannschaften und Spielerinnen?  

Laut meiner Liste sind wir 74 Mädchen und 14 Frauen. Im Mädchenbereich stellen wir von Bambini bis B-Juniorinnen jeweils ein Team - also 6 Teams ohne die Frauen. Nur die B-Juniorinnen haben Spielerinnenmangel und sind dadurch auf Aushilfe angewiesen. Wir suchen daher dringend Spielerinnen der Jahrgänge 2004 – 2006! Im Frauenbereich bieten wir im Moment nur einen „Freizeitkick“ an. Hier spielen so manche Mamas von Junioren und Juniorinnen, die sich so fit halten und auch ohne Ligabetrieb viel Spaß haben. Ich bin auch mit Begeisterung als Spielerin dabei.

Dieses Team, sowie unsere mittlerweile 12 bärenstarken Bambinimädchen, gibt es -glaube ich- so kein zweites Mal in dieser Stadt.

8. Präsident Andy Reichel träumt im Mädchen- und Frauenbereich davon, von den Bambini bis zu den Aktiven alle Altersgruppen besetzen zu können. Ist das realistisch, auch bezüglich der Platzkapazitäten? 

Den Traum träumt Andy nicht alleine – das tun einige bei der SpVgg Durlach-Aue. Dieses Ziel ist nicht nur realistisch, sondern sogar nur noch eine Frage der Zeit, da wir jedes Jahr von unten heraus wachsen. Ab dem Jahrgang 2007 sind alle Jahrgänge in großer Zahl vorhanden. Wir wachsen einfach organisch auf dieses Ziel hin. Wenn wir es schaffen, ältere Spielerinnen anzulocken, ist das Ziel sogar schneller erreicht.

Wegen der Platzkapazitäten mache ich mir wenig Sorgen. Es wäre ja auch nur noch ein weiteres Team, ansonsten haben wir ja bereits Trainingszeiten und Hallen für unsere Teams. Wobei ein ambitioniertes Frauenteam natürlich schon auch mal über den ganzen Platz trainieren möchte. Mit dem neuen Kunstrasen sind wir da noch mehr auf der sicheren Seite.

Wenn es um die Vereinsentwicklung geht, denkt der Vorstand eher in Möglichkeiten als in Hindernissen – und deswegen fühle ich mich hier in Aue am richtigen Ort. Vielleicht ist das auch der Grund, warum es der SpVgg insgesamt vergleichsweise gut geht: Wir handeln klug, mutig und haben gemeinsame Ziele.

9. Wie siehst du die Spielvereinigung sportlich und infrastrukturell im Jahr 2025 aufgestellt? 

Das sind noch vier Jahre... Also erst einmal werden wir im Jahr 2025 die Pandemie besiegt haben und das zusammen im "Club House" feiern!

Außerdem haben wir endlich eine Frauenmannschaft, die bereits im Spielbetrieb gemeldet ist und geduldig auf die starken Jahrgänge 2007 und 2008 wartet, um dann auf dem Großfeld die Oberliga ins Visier zu nehmen. Darunter haben wir dann in allen Altersklassen weibliche Teams, was dem Frauenteam Jahr für Jahr neue, gut ausgebildete Spielerinnen liefert.

Wir werden ab 2025 jedes Jahr mindestens eine Meisterschaft feiern.

Aus jedem Team spielen 1-2 Mädchen zusätzlich in der Badischen Auswahl und werden dadurch besonders gefördert. Dadurch steigt auch die Wahrnehmung durch den Verband als Kaderschmiede in Aue.

Die hervorragende Zusammenarbeit mit den Jungsteams setzt sich fort: Ihre Coaches bauen unsere besten Mädchen in ihre Teams ein und empfinden das als Win-Win, so wie bereits heute.

Die Kabinen der Juniorinnen und Frauen sind im Jahr 2025 hell, freundlich und modern, und sie erinnern in keiner Weise mehr an ihren düsteren Zustand im Jahr 2021. Der Gang zu den Kabinen entlang der Außenwand des Clubhouse ist saniert und vielleicht mit einem großen Durlach-Aue-Auftragsgraffiti verziert, was unseren Gegnerinnen gleich zeigt, wer im Oberwaldstadion zu Hause ist.

Unsere Coaches sind ab den D-Mädchen allesamt lizensierte Fußballtrainer*innen, die mit ihren hervorragenden Trainings leistungsstarke Spielerinnen aus der Region anziehen.

Wir haben weiterhin ein gut funktionierendes Sponsorenkonzept, das uns topaktuelle lilafarbene Trikotsets ermöglicht und darüber hinaus auch mehr hochwertiges Trainingsmaterial und Tore beschert. Als Dank bieten wir den Sponsoren im Mädchen- und Frauenbereich viel Aufmerksamkeit durch tolle Fotos, Videos und Texte - auf unserer topaktuellen rundumerneuerten SpVgg-Webseite, in der Presse und auf Instagram oder welche Plattform auch immer 2025 gerade angesagt ist.

Das Sahnehäubchen auf meiner Vision 2025 ist, dass wir drei Schiedsrichterinnen stellen, die sich zusammen mit unseren männlichen Schiris als ein Team auffassen.

Diese Vision lesen du und ich im Jahr 2025 zusammen bei einem kühlen Bier auf der Terrasse des florierenden „Clubhouse“ und freuen uns, dass wir alle Ziele erreicht haben.

10. Hier noch einige Stichworte zur Ergänzung für dich:  

- bei der Spielvereinigung Durlach-Aue gefällt mir.... die jahrelange kontinuierliche Arbeit von Menschen mit Herz und Verstand.

- die fußballerischen Talente meiner beiden Töchter.... machen sie sehr froh und das ist alles, was ich mir als Mama wünsche – dass meine Kinder gesund und glücklich sind! Der Fußball ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken – und wurde seit Corona durch Padel-Tennis perfekt ergänzt.

- als studierte Frau ist der raue Ton auf dem Fußballplatz für mich.... seit Jahrzehnten vertraut. Käme ich damit nicht zurecht, wäre ich bestimmt nicht mehr hier. Es ist aber nicht meine Tonart. Ich glaube aber nicht, dass das mit meinem Studium zu tun hat oder dass ich damit allein bin im Verein. Es ist eher meine bevorzugte Weise, wie ich gerne mit Menschen rede oder von anderen angesprochen werde. Natürlich kann ich auch anders!

- meine Bolzplatztour durch Karlsruhe zeigte mir.... dass ich als ehemalige Bremerin merke, dass ich hier in einem reichen Bundesland lebe. Deswegen weiß ich das große Angebot besonders zu schätzen und nutze es gerne und viel.

- Fußball und Bier.... passt in der richtigen Reihenfolge für Erwachsene hervorragend zusammen...

- Werder Bremen.... ist die Liebe meines Lebens. Wer von ganzem Herzen für einen Verein brennt, kennt das. Ich freue mich darauf, durchgeimpft mal wieder ins Stadion zu können - entweder auswärts in Hoffenheim oder in Bremen. 

Viola, vielen Dank für das ausführliche und sehr interessante Interview! Man sieht sich, hoffentlich bald wieder auf dem Fußballplatz! 

ws, 09.04.2021

Fotos: Oliver Hurst

Aues Juniorinnen sind auch auf Instagram: www.instagram.com/durlachaue_juniorinnenfussball/